5 Fragen an einen Seebären

Der Reisebericht von Brigitte Lausch über eine Frachtschiffreise hat mich neugierig gemacht und ich habe meinem guten alten Schulfreund Torsten Stenzel 5 Fragen gestellt. Er lebt bei Hamburg, ist von Beruf Reedereilogistiker und leidenschaftlicher Kenner von Schiffen, Häfen und Meeren. Leinen los!

 

Frage 1: Wie findet man genau das richtige Schiff im Hafen?

In der Regel fährt man nicht selbst zum Schiff, sondern wird im Hafen, in dem man fremd ist, vom Agenten abgeholt und zum Terminal gebracht, an dem das Schiff abgefertigt wird. Die Terminals haben entweder Namen oder sind durchnummeriert. In Hamburg ist das z.B. der Burchardkai oder Schuppen 80/81. In Antwerpen z.B. Zuidnatie Terminal, Liegeplatz 470. Somit weiß man immer sicher, wo das Schiff festgemacht hat. Viel interessanter ist allerdings die Frage, wann das Schiff ankommt bzw. abfährt. Denn es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die einen geplanten Fahrplan aus dem Takt bringen können, wie z.B. das Wetter, technische Defekte, die eine Reparatur erfordern, Verzögerungen beim Ladungsumschlag, neue Häfen, die in den Fahrplan aufgenommen werden oder welche, die aus dem Fahrplan gestrichen werden. Daher sollte man als Passagier auf einem Frachtschiff immer äußerst flexibel sein und auf Änderungen aller Art eingestellt sein.

Frage 2: Was ist das Besondere an einem Frachtschiff? 

Die Ladung gibt den Fahrplan und das Leben an Bord vor. Das Frachtschiff ist dazu konzipiert, eine bestimmte Art von Ladung zu transportieren. Containerschiffe, um Container zu transportieren – Tanker um Öl, Produkte oder Gase zu transportieren – Autofrachter, um Autos zu transportieren usw. Abhängig vom Schiffstyp ist auch das Fahrtgebiet. Containerschiffe fahren zwischen den wichtigen Handelszentren rund um die Welt um die vielen tollen Produkte des täglichen Lebens bei uns auf den Tisch oder ins Haus zu bringen. Schüttgutschiffe (Bulk-Carrier) oder Öltanker fahren von den eher abgelegenen Gegenden, wo z.B. Erze oder Öl gefördert werden zu Produktionsanlagen, in denen die Rohstoffe weiterverarbeitet werden und meistens auch weitab von der Zivilisation liegen. Also – verschiedene Schiffe für verschiedene Zwecke in verschiedenen Fahrtgebieten mit jeweils speziell ausgebildeten Seeleuten.

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Frage 3: Wie sieht der Alltag an Bord eines Frachtschiffes aus?

Die Wachen bestimmen den Alltag an Bord und dauern auf See vier Stunden:

  • Von 00:00 bis 04:00 Uhr (Kommando durch 2. Offizier)
  • Von 04:00 bis 08:00 Uhr (Kommando durch 1. Offizier)
  • Von 08:00 bis 12:00 Uhr (Kommando durch 3. Offizier, unterstützt durch den Kapitän)

In der zweiten Tageshälfte das gleiche noch einmal von vorn. In den Häfen kann von den Zeiten abgewichen werden. Wir fahren bei uns dann zum Beispiel Wachen von 00:00 bis 06:00 Uhr und von 06:00 bis 12:00 Uhr. Die Wachen werden von den wachhabenden Offizieren geleitet und unterstützt von Decksleuten und ggf. Zimmerleuten. Wichtig ist hier die klare Rollenverteilung und Hierarchie. Befehl geben, entgegennehmen und umsetzen. Diskutieren kann man an Land.

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Frage 4: Welche wichtigsten Seemannsbegriffe sollte man kennen?

Man sollte sich an Bord orientieren können, um zu wissen, wo man ist und wo man hin will. Dazu sollten diese Begriffe bekannt sein:

Steuerbord = rechts (Eselsbrücke: “Steuern zahlen ist rechtens”)

Backbord = links

Vorn = Vorderseite

Achtern = Hinterseite.

Auf der Steuerbordseite hat der Kapitän auch seine Kajüte. Wenn man noch ein paar andere Schiffsbewegungen kennt, wie z.B. Rollen, Stampfen, Schlingern, weiß man wovon man seekrank wird 🙂

Rollen = das Schiff dreht sich um die Längsachse und die Wellen kommen von der Seite

Stampfen = das Schiff bewegt sich um die Querachse und die Wellen kommen von vorne

Schlingern = Rollen und Stampfen zusammen. Schlingern macht somit am stärksten seekrank!

Frage 5: Wie verhält man sich, wenn man doch mal seekrank wird?

Am besten sucht  man einen Platz auf, an dem die Beschleunigungskräfte so gering wie möglich wirken: Also in die Mitte des Schiffes gehen. Dazu noch ein bisschen frische Luft, Ablenkung und leichte Nahrung. Und jetzt bleibt nur noch zu sagen: Schiff ahoi!

Herzlichen Dank Torsten!

Torsten Stenzel, Reedereilogistiker
Torsten Stenzel, Reedereilogistiker

Zum Schluss empfehle ich euch noch ein bezauberndes Portrait eines Kapitäns zur See, der Jahrzehnte auf der deutschen Hochseeflotte über die sieben Weltmeere schipperte. Charly Behrensen heißt der Mann. Er wird in der WDR5-Sendereihe „Erlebte Geschichte“ portraitiert und bietet neben etwas Seemannsgarn einen guten Einblick in einen starken Beruf. Hier geht´s zum Podcast.

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