Überlebenstraining in Jakarta und Café Batavia

Jakarta. Einen Tag lang war ich heute mitten in der Haupt- und Großstadt unterwegs und komme zum gleichen Ergebnis wie alle Vorbesucher, die mich gewarnt hatten: es ist ein Moloch. Wenn man zwischendurch nicht immer wieder Pausen macht, dann kann diese Stadt einen wirklich fertig machen.

Mein ehrgeiziger Plan war es, den öffentlichen Personennahverkehr auszuprobieren und nachdem ich fast 1 Stunde vergeblich auf den richtigen Bus gewartet hatte, wollte ich dann mein Glück mit dem Zug zu versuchen. Die Alternative und das Mittel der Wahl für Touristen ist hier eigentlich immer das Taxi, aber gut – man will ja Abenteuer erleben. Außerdem versprach die Bahn weniger Staugefahr und heute morgen dachte ich noch sowas wie: “Ich will meine Zeit hier ja auch nicht verplempern…” Das sehe ich am Ende des Tages etwas anders – verplempern ist zwischendurch auch ganz gut ;-). Der Taxifahrer brachte mich dann aber bis zum nächsten Bahnhof, der von der Bushaltestelle auch schon gute 5 km weit weg war. Der Bahnhof versprach mehr Erfolg als die Bushaltestelle – ich erwarb ein Ticket für 1.500 indonesische Rupiah, das sind umgerechnet ca. 15Ct und fuhr eine halbe Stunde später los. Das Schauspiel des Ein- und Aussteigens konnte ich beim gegenüber einfahrenden Zug schon miterleben.

Aussteigen aus der Bahn, die stets mit offenen Türen fährt

Die besten Szenen spielten sich dann überraschenderweise in der Bahn ab. Wirkte nach dem Einsteigen auf mich alles ganz normal, fing einige Sekunden nach Abfahrt ein wahres Schauspiel von fliegenden Händlern an. Da gab es Straßenmusikanten, allerdings nicht einen, sondern gleich fünf verschiedene in kurzen Abständen, jede Menge mobile Stapelkisten und Kästen mit Getränken, Obst und kleinem Gebäck, die durch die Gänge geschoben und gehievt wurden. Darüber hinaus konnte man sich noch die Schuhe putzen lassen, Batterien und Klein-Elektro-Teile erwerben, eine Massage mit so einem Haar-Dings über sich ergehen lassen und Taschentücher kaufen. Auch die Technik des Tragens hatte mancherlei Raffinesse – ein Händler hatte seinen Stand an so einem Kleiderbügelhaken befestigt und hakte sich damit immer oben an den Stangen zum Festhalten ein! Recht clever. Besonders beeindruckt hat mich der Verkäufer von allerlei Kosmetikartikeln, vor allem Haarspangen, die auch tatsächlich für manchen Absatz sorgten:

Haarspange gefällig?

Einen ganz erbärmlichen und nachhaltigen Eindruck machten bettelnde und behinderte Menschen im Zug, besonders die Kinder, die mit einem Stück Zeitungspapier den Boden sauber machten und um eine kleine Spende baten. Solche Szenen haben mich den ganzen Tag über begleitet und berührt. An jedem Auf- und Abgang zu einer Bus- oder Bahnstation sammeln sich unzählige arme und kranke Menschen auf dem kleinsten Fitzel Erde. Auch wenn man damit ein Stück rechnen konnte, ist es in Wirklichkeit noch einmal anders, es so geballt zu erleben und irgendwie auch nicht zu wissen, wie man mit so einem typischen Phänomen der Großstadt umgehen soll.

So ergab sich insgesamt eine etwas skurrile Szene auf dieser Zugfahrt, manchmal amüsiert, zwischendurch betroffen und zusätzlich im Hinterkopf – nicht genau zu wissen, wo ich eigentlich aussteigen soll. Pläne gibt es in Indonesien nämlich so gut wie gar nicht. Man muss Erfahrungen sammeln. Da war´s auch schon geschehen – irgendwie hatte ich trotz mehrmaligen Fragens die Station “Kota” (Altstadt) verpasst und entschloss mich, jetzt aber mit dem “Taksi” zum Café Batavia zu fahren. Das war auch schnell gefunden, nur hatte ich den Eindruck, dass der Fahrer jetzt mal so richtig schön an einer Touristin verdienen wollte, die allein unterwegs war und keinen blassen Schimmer hatte, geschweige denn sich auf Indonesisch verständigen konnte. Mit Englisch kommt man hier nicht immer sehr weit. So genoß ich meinem Empfinden nach eine recht weitschweifende Fahrt, die mich am Ende aber doch immerhin in die Nähe meines Zieles brachte – das Café Batavia hatte ich anvisiert. Da war ich schon etwas erleichtert, denn diese Fahrt hätte auch ganz woanders enden können. Den letzten Rest konnte ich dann zu Fuß zurück legen und meinen ersten Eindruck von Jakarta festzurren: sehr laut, unglaublich dreckig und übel riechend. So etwas wie Bürgersteige gibt es nur in ausgewählten Bereichen, ansonsten laufen Fußgänger im üblichen Straßenfluß am Rand zwischen Mopeds und Autos herum. Diese Stadt ist eigentlich nur für Fahrzeuge gedacht, hat man den Eindruck.

Auf dem Weg in die Altstadt

Mitten aus der lauten, stinkenden und anstrengenden Innenstadt Jakartas eröffnet sich einem schlagartig eine andere Welt, wenn man das zweistöckige Gebäude betritt. Leise summende Ventilatoren an der Decke, Musik aus der 20er Jahren und die charmante Inneneinrichtung lassen die Vergangenheit der Kolonialzeit aufblühen.

Gelebte Geschichte

Das Café soll über 300 Jahre alt sein und ist nach dem lateinischen Namen für die Niederlande – Batavia benannt. Die Niederlande waren seit 1619 dabei, den Vorläufer des heutigen Indonesien als “Niederländisch Indien” unter ihre koloniale Herrschaft zu bringen. Wer sich für Fotos aus dieser Zeit interessiert, dem sei dieses Archiv empfohlen:

Pionierfotographie aus Niederländisch Indien

Als Gast stromert man jedenfalls in Ruhe durch das Café, schaut hier und da und wird von den vielen Portraitbildern und Erinnerungen an den Wänden auf bekannte Gäste der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte gestoßen. Am Ende nimmt doch fast jeder Platz und lässt die Atmosphäre auf sich wirken – ein schöner Besuch!

Nach meinem Besuch im Café Batavia, entschloß ich mich, ein wenig treiben zu lassen, irgendwo würde ich schon landen. Einige Straßenecken weiter stieß ich dann tatsächlich auf die TransJakarta, eine recht neue Buslinie, die auf separater Spur einige wichtige Stationen quer durch die Stadt verbindet. Mit der TransJakarta fuhr ich dann Richtung Monas, das ist ein nationales Monument, auf dessen Turm man zwecks Aussicht über die Stadt fahren kann. Falls man bei dem Dunst etwas sieht. Zum Monas hatte ich mich schließlich inklusive längerem Fußweg durchgekämpft, vorbei an salutierenden Soldaten, die wohl eine Art öffentliche Übung machten.

Monas – nationales Monument in Jakarta

Vor dem Tor angekommen, informierte mich ein Wärter, dass das Monument heute geschlossen ist. Es gibt wohl einen Montag im Monat, den das betrifft und war gerade heute. Naja, dann eben wieder zurück und weiter Richtung Kaufhaus “Sarinah”. Dort sollte es eine schöne Batikabteilung geben – eine der indonesischen Hochkünste und Traditionen. Die weitere Fahrt mit der TransJakarta vermittelt ganz gute Eindrücke vom Großstadt-Dschungel:

 

Das Kaufhaus Sarinah war wirklich sehr schön, aus der Fülle der Stoffe, Artikel und Kleidung weiß man gar nicht, was man wählen soll – ein wahrer Rausch an Farben und Mustern. Zu dem Thema Batik werde ich später noch berichten. Das Kaufhaus ist wohl nach einer der Geliebten von Sukarno, dem ersten Präsidenten von Indonesien (1945 – 1967) benannt.

Nachdem ich mich im Café etwas ausgeruht hatte und es ca. 16.30h war – um 18.30h beginnt hier die Dämmerung dachte ich an die Rückfahrt und fühlte mich nach meinen Zugerfahrungen vom Vormittag kompetent genug, dieses Transportmittel auch für die Rückfahrt zu nutzen :-). Hätte ich nicht mindestens 10 freundliche Menschen getroffen, würde ich wohl immer noch Zug fahren… Jedenfalls fuhr ich erstmal wieder zurück mit der TransJakarta zu dem Bahnhof, der meiner Ansicht nach eine Direktverbindung in meinem Bezirk BSD haben müsste. Dort verkaufte man mir auch mit freundlichem Lächeln eine Karte und wies mir Gleis 4 zu.

Bahnhof Kota, Jakarta

Kurz vor der Abfahrt wollte ich mich noch einmal vergewissern und fragte eine Dame, die nickte und mir drei Finger vor die Nase hielt. Ich interpretierte dies als “3 Stationen”, dann wäre ich am Ziel. Sie signalisierte mir mit Händen und Füssen, dass sie auch in Richtung meines Ziels unterwegs war und wir ein Stück zusammen fahren könnten. Das klang natürlich wunderbar in meinen Ohren. Man braucht einfach Menschen, die einem helfen in solchen Situationen. Als wir nach ca. 1km anhielten und alle ganz hektisch ausstiegen, wurde mir klar, dass die drei Finger sich vielleicht doch nicht auf die Stationen, sondern auf das Umsteigen beziehen könnten! Auf jeden Fall kletterten wir am Ende des Bahnsteigs die Treppen herunter, dort, wo in Deutschland immer diese “Bis-hierhin-und-nicht-weiter-Schilder” sind und rannten schnell über die Gleise zum anderen Bahnsteig, Treppe rauf, denn der Zug dort wartete auch schon. Er war aber angenehm leer und setzte sich kurze Zeit später in Bewegung. Auch ein zweites Mal Umsteigen mit Wechsel der Ebenen meisterten wir, das alles in 20 Minuten. So langsam füllten sich aber die Bahnhöfe mit sehr vielen anderen Reisenden, zusätzlich wurde es dunkel.

Dann begann meine Mitstreiterin in indonesisch auf mich einzureden und bedeutete mir, dass sie jetzt den übervollen Zug vor unserer Nase nehmen würde, ich aber den nächsten nehmen sollte. Zudem wollte sie mir glaube ich auch signalisieren, dass ich vielleicht nicht das richtige Ticket hätte. Wie auch immer – die Dame war weg, ich auf der Suche nach weiterer Hilfe. Der Bahnsteig füllte sich immer weiter, ich war mitten im Feierabendverkehr angekommen. Mein Blick fiel auf drei junge, indonesische Mädchen, die von der Arbeit zu kommen schienen und eventuell Englisch verstünden. Ha! Ja, sie könnten mich verstehen und kämen gerade von ihrem Trainingszentrum einer Fluglinie. Stewardessen! Und wirklich reizend bemüht um eine Touristin 🙂 So konnte ich meine letzte Etappe gemeinsam mit den Mädels zurücklegen. Sie brachte noch einige Strapaze mit sich, mittlerweile standen wir nämlich in 4-5 Reihen auf dem Gleis und der Zug war so vollgestopft wie es bei uns in Deutschland höchstens zu Karneval der Fall ist. Ein Zug fährt hier zusätzlich pfeifenderweise durch die Gegend, um Einheimische an den immer ungesicherten Bahnübergängen zu warnen. Die Fahrt dauerte dann auch noch eine gute halbe Stunde, bis wir immer noch dicht gedrängt stehend an meinem Ausgangsbahnhof ankamen. Mit den üblichen Stöckelschuhen ging dann noch eine der jungen Damen über den schlaglochgepflasterten Parkplatz mit mir zum Taksi. Sie wollte sich wohl endgültig vergewissern, dass ich ankäme. Wir hätten auch eine ähnliche Richtung gehabt, aber leider konnte ich mich nicht verständlich machen, dass ich sie gerne mitgenommen hätte.

Drei Engel für Reisende…

So war mein erster Tag in Jakarta. Manche Ereignisse klingen in europäischen Ohren vielleicht lapidar – hier ist das mit der Kommunikation und dem Straßenverkehr sowie der Orientierung aber alles nicht so einfach. Von daher hoffe ich auf Euer Verständnis für diesen langen Bericht. Morgen wird´s etwas ruhiger, bis auf einen Besuch im Schwimmbad hab ich noch gar nichts vor!

 

2 Kommentare

  1. Berthold sagt: Antworten

    Was ist gegen deinen Erlebnisbericht das Ärgernis über Unregelmäßigkeiten der KVB. Ich glaub ich hätte mich nach Hause gewünscht.

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